Was gewesen ist: Woche 18 (2018)

Obwohl das Gallery Weekend gerade erst vorüber war, hatte der eng getaktete Eventkalender dieser Stadt direkt das nächste Volksfest vorgesehen: den 1. Mai.

Während ich den Montag also noch damit verbrachte, die wenigen Scherben, die vor allem buchhalterischer Natur waren, von unserem großen Gallery Weekend Happy Ending aufzukehren und einen Überblick darüber zu bekommen, was denn da alles schon wieder geschehen war, in dieser wilden Nacht im asiatischen Gourmettempel Ngon am Alexanderplatz, kam der 1. Mai in diesem Jahr an einem Dienstag und damit zerstörerisch früh in der noch jungen Arbeitswoche.

Die passive Strategie der Berliner Polizei hatte schon seit einigen Jahren deeskalierend gewirkt, sodass am Tag der Arbeit, an dem alle frei haben, in den ehemaligen Krawallbezirken Kreuzberg und Friedrichshain eher Stadtfeststimmung denn Revolution herrschte. Um dennoch auf jede Eventualität vorbereite zu sein und auch, um mir die eigentlichen Einsatzgebiete der großen Polizeipanzer, die überall dann doch nicht sehr deeskalierend auf den Kreuzungen rumstanden, erklären zu lassen, hatte ich vorher noch meinen Freund, den Kriegsberichterstatter Paul Ronzheimer abgeholt, der mir dann eine Live-Reportage direkt ins Ohr sprach, während wir durch an ravenden Großfamilien und schwarz angezogenen Spaßtouristen vorbei ins Auge des Sturms, den Görtlitzer Park spazierten.

Dort hatten wir unser wackliges Wurstfahrrad und damit das gesamte Erbe unseres Fast Food-Imperiums Dandy Diner aufgebaut und verkauften vegane Hot Dogs an angetrunkene Passanten, die oftmals gar nicht so genau wissen wollten, dass das hier gar kein geschredderter Schweinebrei war, den sie sich ins Gesicht drückten. In wenigen Stunden waren wir ausverkauft und es war ein großer Erfolg. Den hart verdienten Gewinn von 120,- Euro investierte ich sofort in ein Taxi nach Mitte, um dort meinen Freund Moritz von Uslar zu treffen, der sich unbedingt das Fußballspiel Bayern München gegen irgendein anderes Team in der Kneipe „Toooooooor“ anschauen wollte, was wir dann auch taten, bei vier, fünf kleinen Bieren und bester Stimmung, auf Barhockern vor Raufasertapete sitzend, über uns noch die Weihnachtsbeleuchtung und an den Wänden mindestens zehn große Fernseher.

Erst spät kam ich wieder nach Kreuzberg, wo die Straßen noch immer gesperrt waren und meine Freunde, David, Korki, Russana und Pia eher ziellos umherliefen, weil sie doch alles schon erlebt hatten, an diesem langen Tag der Arbeit, und das Fest so langsam vorüber war. Wir gingen dann noch für ein paar letzte Momente des Abschranzens in den bekannten Technoclub Chalet und am Ende reichte der satte Wurstgewinn sogar noch fürs Taxi nach Hause.

Am Mittwoch lag ein veritabler Kater über der Stadt und ich war ganz froh, dass wenigstens mein Freund Rafi fit und willens war, mich ins Kino zu begleiten. Im Babylon Kino am Chris-Dercon-Platz lief nämlich die Premiere des Dokumentarfilms über den Künstler, Komponisten, Anarchisten und Rebellen Mikis Theodorakis, den der Denker Roger Willemsen einst den Che Guevara Europas nannte.

Obwohl meine Freundin Sandra von Ruffin als Schauspielerin in einigen Szenen dieser Dokumentation, wie man das heute eben so macht, mitgespielt hatte, schlief ich zur Mitte des Films hin kurz ein und wachte erst durch das sanfte Schleichen des Berliner Kult-Paparazzos André C. Hercher wieder auf, der den Kinosaal betrat, um noch schnell eines seiner berühmten Gruppenbilder der anwesenden Prominenz zu machen.

Abermals dachte ich, einerseits noch etwas schlaftrunken, andererseits beseelt von der revolutionären Schaffenskraft des Griechen Theodorakis, darüber nach, dass es doch langsam mal Zeit wäre, für eine große Werkschau des André C. Hercher, der sicher das das größte Fotoarchiv der Berliner Gesellschaft seit der Wiedervereinigung hat und an dem man den Verfall der Menschen dieser Stadt doch sehr gut würde studieren können.

Einzig mein Freund, der Möbelmogul Rafael Horzon würde dabei gut wegkommen, denn er wird bekanntlich mit jedem Jahr immer noch schöner.

Wir aßen noch schnell bei unserem Freund Tim im nahegelegenen Restaurant Rose Garden und tranken eine jamaikanische Limonade und dann ging es auch schon schleunigst ab in die Falle, immerhin wollte ich am nächsten Morgen endlich mal einen dieser sagenhaft schnellen ICEs nach München nehmen.

Das tat ich dann auch, wohlgenährt und ausgeschlafen, und in gut vier Stunden war ich plötzlich nicht mehr in Berlin, sondern wie von Zauberhand in München.

Dort traf ich dann David, der ganz oldfashioned einen Flieger genommen hatte, und wir gerieten sehenden Auges in den tiefen Abgrund einer Preisverleihung.

Einige Kilometer ausserhalb Münchens, in einer großen Halle der Bavaria-FIlmstudios, fand die Award-Show der Online-Händlers „About You“ statt, einer zur Otto-Gruppe gehörenden Art Zalando, nur kleiner.

Um ihr Onlineshoppinggeschäft zu bewerben setzt die Marke seit jeher auf eine enge Verzahnung mit reichweitenstarken Influencern und so ist es sicher ein smarter Move, dieser teilweise doch arg verschrieenen Branche eine eigene Würdigung zu stiften und ihren Ruf so etwas aufzupolieren.

ProSieben hatte sich als Medienpartner für diese Influencer-Awards angeboten und so wurde das ganze dann nicht nur millionenfach auf den Kanälen der Gäste sondern auch hunderttausendfach im Fernsehen ausgestrahlt, weswegen sich alle Gäste nochmal ganz besonders aufgelackt hatten. Zuweilen sah es in der Vorhalle und zwischen den diversen Messeständen der Sponsoren von Melitta-Kaffee bis Tigha-Lederjacken aus, wie auf einer Mischung aus Bread & Butter und Porno-Messe, auf der die Darsteller sich in engste und lauteteste Seidenkleidchen zwängten, um aufzufallen und zwischendrin mit allen und jeden Selfies für die Insta-Story machten.

Es ist schon eine geisteskranke Szene, dachte ich und stand mittendrin, während ich aus einem eigens für das Event von einem der Sponsoren angefertigten Trichter Champagner aus einer Flasche mehr in mich rein schüttete als trank.

Und ohne jetzt allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, kann ich sagen, dass ich in all den Jahren, in denen ich dachte, die Modebranche, in die ich als junger Politikstudent irgendwie hineingeraten war, sei die niederste und kaputteste Branche überhaupt, falsch lag.

Ich verließ die Stadt schnell wieder und hatte am Freitagabend dann auch keine große Lust mehr auf die kleine Version dieser großen Award-Show zu gehen, eine von der Schmuck- und Parfümfirma BVLGARI ausgerichtete Party am Moritzplatz in Berlin, zu der nahezu alle Award-Gäste eingeladen waren und die etwa zwei dutzend Berliner Partytouristen, die es immer wieder auf die einschlägigen Gästelisten der Stadt schaffen und sich dadurch dergestalt geschmeichelt fühlen, dass sie bewusst ironische Posts in ihre Social Media-Kanäle brüllen, in denen sie natürlich sehr gern zeigen wollen, dass sie da waren und dazugehören, dabei immer aber auch betonen wollen, wie egal es ihnen doch ist und wie lächerlich das alles ist – und am Ende sind sie auch nicht besser als die Gewinner des „About You“-Awards, nur ohne irgendetwas gewonnen zu haben und damit sind sie ja vor allem doch: Verlierer.

Ich hingegen schlief den Schlaf der Gerechten und wachte am Samstag topfit auf, um schon bald wieder rauszugehen, in die Sonne und einen Stadtspaziergang mit meinem Freund Niels Ruf zu machen.

Wir schlenderten am Sternerestaurant „Nobelhart & Schmutzig“ vorbei, in dem der legendäre Macher Billy Wagner gerade eine Ausstellung des Künstlerkollektivs „Vulvae“ eröffnete, die sich mit dem weiblichen Geschlecht befasst und die noch angenehm lang, nämlich bis zum Ende des Jahres im Schaufenster des mittels Vorhängen gut abgehangenen Restaurants von der Straße aus zu sehen ist. Und weil das hier ja ein Restaurant war und keine Galerie, gab es auch was zu naschen, nämlich Scheidenabdrücke aus Karamell in zehn verschiedenen Ausführungen. Wir blieben ein wenig und verweilten, hörten uns einen von Mofa-Geräuschen zerfetzten Vortrag über die Wahrnehmung von Körper und Geschlecht in der Gesellschaft an, tranken einen Naturwein und eine Berliner Weiße ohne Schuss und spazierten dann irgendwann weiter – von Mitte über Kreuzberg bis nach Neukölln.

In der Weserstraße hatte an diesem schönen Samstagnachmittag, dem 5. Mai, um 5 Uhr und 5 Minuten (PM), unser Freund Tack Yen seine neue Bar „Golden Turtle“ soft-eröffnet und da konnten und wollten wir natürlich nicht fehlen.

Es ist, soviel kann ich sagen, die beste Bar auf der gesamten Weserstraße und auch deshalb blieben wir lang, bis ganz zum Ende. Und der Knilch Peter Kaaden, dessen Fotografien im „Golden Turtle“ holzgerahmt hängen, blieb sogar noch etwas länger, weil er es so schön fand.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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