Was gewesen ist: Woche 16 (2018)

Das Wetter war gut in Zürich und die Tage flossen so ineinander. Wir hatten auffallend wenig zu tun, obwohl wir doch zum Arbeiten gekommen waren und fleißig sein wollten, unser Geld wert sein also, in dieser teuersten Stadt unter der Sonne. Und dann saßen wir doch, dem Himmel sei Dank, etwa die halbe Woche am See, auf Wiesen, in Restaurants und Cafés und beschäftigten uns nur drei, vier Stunden pro Tag mit unserer Aufgabe, Modekritiker zu sein.

An einem dieser immer genau gleich schönen Tage hatten wir uns ein Boot gemietet und schoßen mit wenigen Knoten über den Zürichsee und nur einmal über die mächtige Bugwelle eines Verkehrsschiffs, die uns beinahe umwarf.

Weil uns das bald zu viel war, genauso wie diese unglaublich schönen Steinvillen am Ufer des Sees, die man für kein Geld der Welt kaufen, sondern nur von seinen schon immer schwerreichen Ahnen erben kann, legten wir, also David, mit dem ich hier in Zürich war, und ich, an und trafen an Land, im Café Odeon, den legendären Dandy Joachim Bessing auf einen Espresso mit Kondensmilch und Zucker.

Das Café Odeon, sogar noch legendärer als unser geschätzter Freund, war früher mal das Café der Punks war, die bei den Jugendunruhen in den 1980er Jahren Zürich ordentlich durchgeschüttelt hatten, dann wurde es das Café der Schwulen und mittlerweile ist es komplett verspiesst. Wahrscheinlich fühlten wir uns deshalb so wohl, weil also alles so war, wie in Berlin: erst punk, dann schwul, dann spießig. Und wir mittendrin.

Bessing produzierte, das war der Grund für seine mehrwöchige Reise nach Zürich, einige Modestrecken in der Stadt und den umliegenden Dörfern, und hatte so viele gute Geschichten zu erzählen, dass ich sie vor lauter Begeisterung sofort alle wieder vergaß. Wir vergewisserten uns kurz noch gegenseitig, dass doch wirklich nichts schlimmer sei, als sich hier über die hohen Preise aufzuregen und man das unbedingt lassen müsste, ärgerten uns über die hohen Preise und mussten dann auch schon wieder aus irgendwelchen Gründen getrennter Wege gehen. Jedoch verabredeten wir noch schnell, am Wochenende gemeinsam zu einem halblegalen Boxkampf zu gehen; wir würden die Karten besorgen.

Den Rest der Arbeitswoche verbrachte ich mit zunehmender Freude vor der Kamera, oft in der Sonne, eigentlich nie fluchend, in der großen Kakteensammlung am Südufer des Zürichsees und in meiner abgedunkelten Hotelsuite mit der Nummer 151, in der sich ein veritables Chaos ausgebreitet hatte, dass die Reinigungskräfte nicht zerstören wollten oder konnten.

Eines Nachts träumte ich davon, ein Bergbauer zu sein. Vielleicht war das der Wunsch nach einem einfacheren, ehrlicheren Leben – oder auch nur bedingt durch meinen aktuellen Wohnort: im Bergbauernland Schweiz. Sonst war nichts los.

Das Wochenende kam mit einer Wucht, wie es nur klassisch werktäglich arbeitenden Menschen kommen kann. David und ich, nicht sehr geübt in ebendieser Arbeit, wurden davon fast umgeschlagen. Eilig zogen wir uns um, ich zum Beispiel die neuen Cowboystiefel, die ich von Calvin Klein bekommen hatte, an, und dann ließen wir uns von unserem Fahrer und Sicherheitsmann D., der sich eigens für diesen Abend in Hemd und Sakko, also Schale geschmissen hatte, zum Boxkampf fahren. Bessing hatte kurzfristig abgesagt, was wir als Kuschen empfanden, als Angst vor der eigenen Kraft, die gemeinsam mit dem Magnetismus der Nacht gefährlich werden kann. Und hätte er gewusst, was er verpasst, er hätte sich anders entschieden.

Wir gingen also auf diesen Boxkampf, für den uns unsere Schweizer Geschäftspartner von ProSieben noch kurzfristig Tickets organisiert und geschenkt hatten. Am Einlass mussten wir uns bei Fliegersirenenlärm durch einen komplett dunklen Gang voran tasten, um dann selbst betastet zu werden, von vermummten Sicherheitspersonal in schwarzer Kampfmontur. Unsere Handys wurden uns abgenommen und auch sonst alles, was im Metalldetektor piepen könnte und so gingen wir gänzlich analog und auf uns allein gestellt in die große Halle, in deren Mitte ein Boxring aufgebaut war und drumherum Tische und Stühle für sicherlich tausend Gäste.

Wir sahen fünf gute Kämpfe, ohne K.O.s, und wir sahen eine an einem Trapez turnende Nackte, die aus ihrem Po einen Laserpointer durch den Raum schoss, in die Gesichter der Gäste. Und wir sahen eine Miniaturbar, an der sieben kleinwüchsige Barkeeper ausschließlich Schnäpse, also Kurze, ausschenkten – und spätestens hier tat es mir sehr leid um unseren Freund Bessing, dem das alles hier so gut gefallen hätte und der sicher geschrieen hätte, vor Freude. Irgendwann kamen dann noch verschiedene Kampfsportclubs einmarschiert, mal auf Traktoren, mal mit hüpfenden Lowrider-Autos, wie man sie aus Musikvideos von Snoop Dogg kennt und ganz am Ende fuhren ein knappes dutzend Hells Angels angsteinflößend langsam auf ihren Harley Davidson-Motorrädern durch die Menschenmenge und mir beinahe über den Fuß, weil ich ja nichts verpassen wollte und ganz vorn am Ring stand.

Den eindrücklichen Abend, wie eigentlich die ganze Woche, ließen wir dann noch in der Sonne ausklingen, der hier nun schon öfter erwähnten besten Bar der Welt, in der die Band eine bemerkenswert emotionale Version von Rihannas Smash Hit „We found love in a hopeless place“ sang, was nirgendwo besser passen konnte, als hier, in dieser hoffnungslosen Kneipe, in der manche für eine kurze Zeit die Liebe finden.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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