88rising: Asiatischer Hip Hop im Aufstieg

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Während die Zahl 88 hierzulande von Neonazis als Code für “Heil Hitler” missbraucht wird, steht sie in China hingegen für doppeltes Glück. Gemeinsam mit den chinesischen Schriftzeichen für “aufsteigen” bildet die Glückszahl das Logo des in New York ansessigen Musiklabels und Kollektivs 88Rising. Gegründet in 2015, hat das junge Hybridunternehmen aus Musikmanagement, Plattenlabel, Produktion und Marketing fast im Alleingang die Asiatische Hip Hop Szene in der westlichen Himmelsphäre markttauglich gemacht.

 

Mit einem Repartoire von Künstlern aus 5 verschiedenen asiatischen Ländern und zahlreiche Amerikaner mit asiatischer Herkunft, bringt 88Rising eine neue Welle von Representation auf den Mainstream-Musikmarkt die längst überfällig ist. Unter ihnen sind beispielsweise in der koreanische (noch) Underground-Rapper Keith Ape. Dieser ist bereits seit seinem Track “It G Ma” jedem Cloudrap-Fan ein Begriff. Dann gibt es den vom Youtuber zum Musiker gewordene Joji: Früher bekannt als Pink Guy oder auch derjenige, der den Harlem Shake erfunden hat. Jetzt produziert der australisch-japanische Künstler Lofi-Beats zu schaurig schönem Elektro-RnB.

Keith Ape für Pink Dolphin

Joji für Vice Magazine

Neben dem energetischen chinesichem Rapquartett Higher Brothers, ist auch der gerade 18-gewordene Brian Immanuel aka. Rich Brian (früher Rich Chigga) aus Indonesien, Teil von 88Rising. Dessen kometenhafter Erfolg ist zum einen seinem Reintalent, zum anderen der ungewöhnlich tiefer Stimme auf droplastigen Tracks wie “Dat $tick” oder “Chaos” geschuldet. Hip Hop-Veteranen wie Pharell Williams oder Post Malone sind bereits ausgesprochene Fans des Teenagers, mit letzterem führt er sogar eine rege und öffentliche Bromance.

Higher Brothers

Rich Brian

Spätestens durch die verschiedenen Kollaborationen des 88Rising-Mobs mit amerikanischen Künstlern wie 21 SavagePlayboy Carti, Ski Mask The Slump God und etlichen anderen wissen westliche Rapfans, dass die asiatischen Kollegen auch einen Flow und genügend Punchlines drauf haben. Zu dem bemüht sich das Kollektiv auch weibliche Talente zu fördern. Unter den Frauen bei 88Rising zählen die koreanische Cloud-Rapperin Yaeji, Indonesische Vocalistin/Songwriterin NIKI und seit Kurzem chinesischer RnB Star Lexie Liu.

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Sowohl der Erfolg der einzelnen Künstler, sowie der des gesamten Kollektivs ist auf die scharfsinnige Vermarktung durch den Gründer Sean Miyashiro zurückzuführen. Der 37-Jährige war in der Vergangenheit bei Vice Media tätig und maßgeblich bei Kreation der Elektromusik-Plattform “Thump” beteiligt. Dabei erarbeitete er sich ein tiefes Verständnis für die digitale Medienlandschaft in welche er die, ohne hin schon viralen Inhalte seiner Musikerfreunde, strategisch plaziert. Obwohl 88Rising nur wenige Mitarbeiter hat, sind die Operationen laut Miyashiros’s eigener Aussage “extrem effizient, schnell und wild zusammengewürfelt”.

Offensichtlich ging die Rechnung trotzdem auf, denn besonders im letzten Jahr gewannen die Aktivitäten von 88Rising an solcher Beliebtheit, dass prompt zwei ausverkaufte Welttourneen und ein Sommerfestival in LA  2018 folgten. Um für das “Head in the Clouds” Festival im September noch weiter einzuheizen veröffentlichte das Kollektiv vor kurzen ein All Star-Album unter gleichem Namen.

Die freundliche Übernahme von asiatische Street-Kultur und urbane Musik in den westlichen Ländern, insbesondere Amerika als Vorreiter für Trends, ist bereits seit Langem im Gange (siehe Far East Movement, Exo, CL, Psy, BTS). Doch bisher war asiatische Musik eine Niche aus schrulligem K-Pop, J-Pop, Vocaloid Balladen oder abgedrehter Emo-Rock à la Visual Kei.

Dabei hört die Mehrheit der Bevölkerung mit asiatischer Abstammung in Europa und Nordamerika bevorzugt Hip Hop und R’n’B. Daher nur verständlich, dass  diese sich nach mehr Representation sehnen, die über Backgroundtänzer und Videohoes hinausgeht.

Der Erfolg von 88Rising ebnete den Weg für Kollaborationen, wie die zwischen dem chinesischen Allround-Talent Kris Wu und dem texanischen Rappper Travis Scott. Mag sein, dass der Song und das dazugehörige Video eher auf der Standard-Trap-Welle reitet. Dennoch ist es ein großer Schritt für junge Asiaten, ihresgleichen in den Massenmedien zu sehen, die nicht nur da sind um eine Quote oder ein Klischee zu bedienen.

Obwohl bereits vermehrt Filme, Magazine auch Bücher über und mit asiatischen Personen existieren, so bleibt Musik das Sprachrohr und ein primärer Bestandteil von Kulturbewegungen. Insbesondere in der immernoch zu großen Teilen konservativen Gesellschaft Asiens sind zeitgemäße Bezugspersonen für die Jugend unabdingbar.

Category: Music

Tags: 88Rising, Asia, hip hop, musik

Von: Thao Le Minh

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